«Was ich an der Burgergemeinde schätze: ihre Verlässlichkeit»

Regierungsrätin Christine Häsler und Burgergemeindepräsident Bruno Wild über grosse Projekte und Begegnungen im Kleinen, über den gesellschaftlichen Zusammenhalt und über den Stadt-Land-Graben.

Gemeinde Kultur Soziales
Regierungsrätin Christine Häsler und Burgergemeindepräsident Bruno Wild

Regierungsrätin Christine Häsler und Burgergemeindepräsident Bruno Wild beim Interviewtermin auf der Casino-Bern-Terrasse.

Christine Häsler, wie haben Sie in Ihren acht Jahren als kantonale Bildungs- und Kulturdirektorin die Burgergemeinde Bern wahrgenommen?
CH: Die Burgergemeinde Bern ist für mich ein Motor der Gesellschaft. Sie steht nicht nur für ihre eigenen Institutionen ein, sondern engagiert sich im gesamten Kanton – sehr stark in der Kultur, aber nicht nur. Von der Burgergemeinde geht viel aus, was sich auf die Gesellschaft überträgt.

Ist Ihnen eine bestimmte Begegnung mit der Burgergemeinde Bern besonders in Erinnerung geblieben?
CH: Zum einen die Zusammenarbeit bei grossen Projekten wie der Gesamterneuerung des Historischen Museums oder der Entwicklung des Museumsquartiers. Zum anderen bleiben die Begegnungen im Kleinen: Einmal habe ich das Telefon in die Hand genommen, Bruno Wild angerufen und ihm erklärt, die Bildungs direktion möchte sich für einen Sportanlass in Bern engagieren …

BW: … es war das Schulprojekt «Weltklasse Zürich Extrameile», das Kinder motiviert, sich Ziele zu setzen und Schritt für Schritt zu erreichen.

CH: Genau, und ich habe Bruno Wild gefragt, ob sich die Burgergemeinde allenfalls auch engagieren könnte. Er hat sofort Ja gesagt. Das war wunderbar, das kennt man sonst nicht.

Und wie haben Sie, Bruno Wild, Regierungsrätin Christine Häsler wahrgenommen?
Offen, gradlinig, bodenständig. Sie ist lösungsorientiert, mit ihr kann man auf Augenhöhe diskutieren, wenn nötig auch sehr vertrauensvoll. Das habe ich immer sehr geschätzt.

Wo sehen Sie die wichtigsten Berührungspunkte zwischen Kanton und Burgergemeinde Bern?
BW: Zum einen im universitären Bereich, etwa mit der Burgerbibliothek, dem Naturhistorischen Museum oder dem Zentrum Historische Bestände der Universitätsbibliothek. Zum anderen bei den erwähnten Grossprojekten, da haben wir in letzter Zeit intensiv zusammengearbeitet.

CH: Was uns ebenfalls gemein ist: Auch wir vom Kanton sehen uns als Förder- und Motivationsmotor in den Bereichen Kultur und Bildung. Das Historische Museum ist hier ein gutes Beispiel. Die drei Träger Stadt, Kanton und Burgergemeinde Bern müssen je 40 Millionen Franken zur Gesamterneuerung des Historischen Museums beisteuern.

BW: Hier galt es als erstes, das gleiche Verständnis zu schaffen, also festzulegen, was wir unter den gesamthaft 120 Millionen Franken verstehen. Nämlich: 120 Millionen Franken sind das Kostendach. Punkt. Mehr gibt es nicht. Da waren wir uns zum Glück rasch einig.

CH: Dieses gemeinsame Verständnis zu haben, uns aufeinander verlassen zu können – solche Dinge sind bei einem Projekt dieser Dimension zentral. Und hier zeigt sich etwas von dem, was ich an der Burgergemeinde enorm schätze: ihre Verlässlichkeit. Wenn wir etwas besprochen hatten, wusste ich: Diesen Weg gehen wir und nicht plötzlich wieder einen anderen.

Und wie erklärt man dem ganzen Kanton Bern den Nutzen eines kulturellen Grossprojekts in der Stadt Bern, Christine Häsler? Nicht nur die Gesamterneuerung des Historischen Museums ist aktuell, sondern auch jene des Kunstmuseums.
CH: Die beiden Beispiele eignen sich hervorragend, um zu zeigen, dass Stadt und Land zusammengehören. Bei der Gründung des Kunstmuseums spielte Albert Anker eine prägende Rolle, er wohnte in Ins und war von 1870 bis 1874 im Grossen Rat. In seiner Kunst stellte er das ländliche Leben in den Mittelpunkt. Schulklassen aus dem ganzen Kanton besuchen das Kunstmuseum – aber mit grosser Begeisterung auch das Historische Museum. Hier ist die Verbindung zwischen Stadt und Land fast noch augenfälliger, mit der Darstellung der Geschichte unseres Kantons in all seinen Facetten. Es gibt sogar noch ein drittes grosses und sehr aktuelles Kulturprojekt im Kanton, welches dieses Verbindende gut belegt.

Welches?
CH: Das Neugestaltungsprojekt im Freilichtmuseum Ballenberg. Das Freilichtmuseum stellt die Geschichte und die Identität nicht nur des Kantons, sondern des gesamten Landes auf anschauliche Weise dar. Es zeigt, welche Werte unser Land über Jahrhunderte geprägt haben und weiter prägen. Das Museum fördert damit den Zusammenhalt von Stadt und Land.

Also gilt es bei Grossprojekten, den Wert für den ganzen Kanton zu betonen.
CH: Das ist zentral. Und man darf auf keinen Fall das eine Projekt gegen das andere ausspielen – alle drei sind wichtig, alle drei haben ihren ganz besonderen Wert. Wir dürfen uns gar nicht zu sehr in diesen Stadt-Land-Gegensatz reinziehen lassen. Ich persönlich konsumiere Kultur ja auch auf unterschiedliche Weise und im gesamten Kanton.

Wo und wie geniessen Sie denn Kultur?
Als Kulturdirektorin besuche ich Veranstaltungen aller Art. Privat mag ich sehr gerne Musik in der ganzen Bandbreite, von klassischen Konzerten bis zum jährlichen Jodlerkonzert, an dem mein über 80-jähriger Götti noch immer singt. Ich gehe auch sehr gerne in Ausstellungen, jene im Historischen Museum zum Thema «Vom Glück vergessen. Fürsorgerische Zwangsmassnahmen in Bern und der Schweiz» hat mich sehr beeindruckt.

Und Sie, Bruno Wild?
Ich besuche gerne Sportveranstaltungen, Segeln interessiert mich sehr. Auf der Musikseite bin ich ein grosser Fan des Internationalen Jazzfestivals Bern, das ist absolute Weltklasse.

Weshalb engagiert sich die Burgergemeinde Bern eigentlich im ganzen Kanton für Kultur und Bildung?
BW: In Artikel 119 der Kantonsverfassung und Artikel 112 des Gemeindegesetzes steht geschrieben, dass sich die Burgergemeinden nach Massgabe ihrer Mittel zum Wohl der Allgemeinheit einsetzen sollen. Wir haben also einen verfassungsmässigen Auftrag, uns im gesamten Kanton zu engagieren. Das vorhin erwähnte Projekt Ballenberg ist übrigens ein gutes Beispiel dafür.

Die Burgergemeinde engagiert sich dort?
Wir haben uns überlegt: Welche Art von Engagement würde zur Burgergemeinde passen? Wir kamen zum Schluss, dass wir mit Holz aus burgerlichen Wäldern eine schöne Holzfassade im Eingangsbereich des Freilichtmuseums ermöglichen könnten. Darüber habe ich mit Christine Häsler gesprochen. 

Ist die kantonale Ausrichtung der Burgergemeinde auch der Grund, weshalb sie im vergangenen Jahr den Ideenwettbewerb zur Stärkung des gesellschaftlichen Zusammenhalts für den ganzen Kanton ausgeschrieben hat?
Natürlich ist die Burgergemeinde Bern aus der Stadt Bern heraus gross geworden. Aber wir nehmen diesen Verfassungsauftrag ernst und nehmen ihn auch sehr gerne an. Wir erhielten im Ideenwettbewerb über 300 Eingaben aus dem ganzen Kanton und mit den verschiedensten Ansätzen, es war fantastisch. Und wir haben festgestellt, dass die Menschen draussen im Kanton grosse Freude haben, dass die «Städter» sich für ihre Themen interessieren, dass jemand sie fragt: Was beschäftigt euch eigentlich?

Sich für den gesellschaftlichen Zusammenhalt einzusetzen, scheint dringlicher denn je.
CH: Der gesellschaftliche Zusammenhalt entsteht und wächst damit, sich für die anderen Menschen und Kulturen zu interessieren. Dafür können wir gar nicht genug tun. Mit der Schule haben wir seitens Bildungs- und Kulturdirektion eine sehr starke Institution, die das fördert – mit der Durchmischung der Klassen, mit den verschiedenen Sprachen und Nationalitäten. Aber ja, die aktuellen Tendenzen hin zu Ausgrenzung, zu mehr Unverständnis anderen gegenüber, das macht mir manchmal schon Sorgen.

BW: In diesem Zusammenhang treibt mich noch etwas anderes um: Aus verschiedenen Umfeldern ist zu vernehmen, dass es heute schwieriger ist, Leute für eine freiwillige Tätigkeit zu motivieren – etwa eine Trainingsgruppe zu übernehmen oder ein Lager zu leiten. Das ist ein Bereich, den wir gezielt fördern: das freiwillige Engagement. Wir sind sehr viel offener für einen Unterstützungsbeitrag, wenn wir diese Freiwilligkeit feststellen. Gutes Beispiel sind zwei Lehrer, die diesen Sommer mit ihren Schülerinnen und Schülern nach China ans World Youth Economic Forum reisen wollen. Das ist ein riesiger Aufwand, die Jugendlichen tragen selber enorm viel zum Gelingen dieses Projekts bei. So etwas unterstützen wir gerne.

CH: Ich kann diesen Punkt voll unterstützen. Viel von unserem Zusammenhalt hat damit zu tun, dass sich Menschen irgendwo engagieren – im Quartier, auf dem Land, im Dorf, in den politischen Gremien oder auch einfach in der Nachbarschaftshilfe. Das macht enorm viel aus, das hat einen grossen Wert.

Bruno Wild, wir blicken auf das Museumsquartier, eines Ihrer absoluten Herzensprojekte. Der Studienauftrag, der ein Zielbild für die langfristige Arealplanung schaffen soll, wurde im vergangenen Jahr lanciert. Ein wichtiger Schritt?
BW: Ja, absolut. Meine Hoffnung ist, dass das Ergebnis möglichst konkret sein wird, möglichst nahe an den Bedürfnissen der Nutzerinnen und Nutzer, nahe an einer umsetzungsfähigen Variante, die für alle beteiligten Institutionen einen Mehrwert bringt.

CH: Es ist ja bereits heute eindrücklich, in diesen Museumscluster einzutreten. Das Museumsquartier hat das Potenzial, international auszustrahlen und ein wichtiger Wirtschafts- und Tourismusfaktor für Stadt und Kanton Bern zu sein. Ich bin froh, durfte ich für ein paar Jahre an diesem bedeutsamen Projekt mitarbeiten und meinen Teil zum guten Gelingen beitragen.

Interview: Christoph Bussard

top