Kettenreaktion – geheimnisvolle Frauenarmringe aus der Mittelbronzezeit
TEXT: SELINA STOKAR; BILDER: STEFAN WERMUTH / CHRISTINE MOOR
Das Bernische Historische Museum bietet viel Potenzial für Exponate mit versteckten Geschichten. Meine Lieblingsobjekte lagen bis vor kurzem in einer kaum beachteten Vitrine in der Dauerausstellung zur Archäologie: ein Haufen Armringe aus grünlich patinierter Bronze. Säuberlich gestapelt, hübsch anzusehen, wenig spannend. Bis unsere Kuratorin mir die Geschichte der Armringe erzählte.
Zeugen anderer Zeiten
1916 wurden die 150 Armringe in Wabern bei Bern unter einem Stein gefunden. Das Spezielle daran: Sie waren alle ineinander gehängt und liessen sich noch Anfang des 20. Jahrhunderts wie eine Kette aus dem Boden ziehen.
Bald stellte sich heraus: Die Bronze-Armringe stammen aus der Mittelbronzezeit um etwa 1400 v. Chr., einer von tiefgreifenden gesellschaftlichen Umbrüchen geprägten Zeit. Eliten bildeten sich heraus, es herrschte Männerdominanz, zahlreiche kriegerische Konflikte liessen Kriegerklassen entstehen, und weiträumige Handelsbeziehungen brachten neues Wissen und neue Vorstellungen nach Mitteleuropa.
Frauenarmringe waren wichtige und sehr persönliche Bestandteile der weiblichen Tracht. Die Frauen trugen sie paarweise – einen links, einen rechts. 150 Armringe müssten also 75 Besitzerinnen gehört haben. Einige der Armringe sind etwas älter als andere, einige zeigen sichtbare Gebrauchspuren, einige sind verbogen, andere kaum getragen.
Objekte voller Geheimnisse
Bei einer solchen Entdeckung läuft das Kopfkino einer Geschichtsvermittlerin heiss: Was bewegt 75 Frauen vor 3400 Jahren dazu, sich in so hoher Zahl zusammenzutun und ihren kostbaren Armschmuck zu opfern? War es eine Weihung an eine Gottheit, um ein bevorstehendes Übel für die Gemeinschaft abzuwenden? Oder ein Dank für überstandene harte Zeiten? Verschworen sich die Frauen zu einem Bund, um gemeinsam mehr Macht auszuüben? Zeugen die Armringe von grossem Unglück, feierlichem Hochgefühl oder bitterer Entschlossenheit? Wie eine Kettenreaktion ergeben sich weitere Möglichkeiten, und eine Geschichte über menschliche Beweggründe und Emotionen vor 3400 Jahren beginnt sich zu entspinnen.
In der Ausstellung dürfen die Besuchenden mithilfe eines «Einarmigen Banditen» verschiedene Elemente zu einer Kettengeschichte verbinden und so eine eigene Erklärung für das Geheimnis hinter den Armringen erfinden.
Die Ausstellung «Und dann kam Bronze!» ist bis am 21. April 2025 im Bernischen Historischen Museum zu sehen. Sie wird von einem vielseitigen Rahmenprogramm mit Veranstaltungen und Vermittlungsangeboten begleitet. Highlights: Das Bronze-Festival am Wochenende vom 22. und 23. Juni sowie die monatliche Bronze-Werkstatt im Museumspark, in der bis Oktober bei prasselndem Feuer und zischender Bronze Teile des Grabensembles von Prêles mit bronzezeitlichen Methoden nachgegossen werden.