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Outsider Art und Sport vor Zwölf

08.11.2021

Lange bevor der Begriff in aller Munde war, haben sie sich mit ihren Engagements der Inklusion verschrieben. Ihre aussergewöhnlichen Projekte in den Bereichen Kunst, Sport, Kulturbetrieb sowie Gastronomie haben sie in Bern zum Fliegen gebracht. Dafür wurde nun die Kunstwerkstatt Waldau, die Heitere Fahne, IdéeSport sowie das Provisorium46 im November mit den diesjährigen mit insgesamt 140'000 Franken dotierten Preisen der Burgergemeinde Bern ausgezeichnet.

TEXT: MARTIN GRASSL

Er lebte gleich nebenan in einer Zelle und schuf ein Werk, dass ihm Weltruhm einbringen sollte. «Adolf Wölfli ist heute noch der Urvater der Kunstwerkstatt Waldau», bekräftigt Kunstwerkstatt-Vereinspräsident Carlo Imboden, «nachdem Wölfli in die Waldau eingeliefert worden war, wurde die Erschaffung von Kunst zu seinem einzigen Sinn und Lebenszweck». Outsider Art heisst die Kunst von Menschen mit Psychiatrieerfahrung, oder Art Brut, wie sie einst der legendäre französische Künstler Jean Dubuffet apostrophierte. Dubuffet entdeckte 1945, nach Wölflis Tod, dessen Werk. Seine in jener Zeit gegründete «Compagnie de l‘art brut» widmete Wölfli 1947 in Paris eine Ausstellung, die den Künstler aus der Waldau mit einem Schlag weltberühmt machte und seinem Werk zu öffentlicher Akzeptanz verhalf.

Outsider Art nicht nur für Insider
«Art Brut ist Kunst von Menschen mit Psychiatrieerfahrung. Sie entsteht ohne kommerziellen Druck und fast immer auf autodidaktischem Weg, dazu losgelöst von der etablierten, akademischen Kunstszene», führt Carlo Imboden aus, «sie übt aber bis heute immer wieder einen Einfluss auf letztere aus.» Wurden Wölflis Werke zu seinen Lebzeiten zur Diagnosestellung herangezogen, steht heute bei der künstlerischen Betätigung von Psychiatriepatientinnen und -patienten die beruhigende, therapeutische Wirkung des kreativen Schaffens im Vordergrund. «Die Kunstschaffenden der Kunstwerkstatt sind vom Schicksal schwer gezeichnet worden, beim Erschaffen von Kunst fühlen sie sich dagegen nicht krank, sondern wohl», bringt es Carlo Imboden auf den Punkt. Der Austritt aus einer psychiatrischen Institution ist für viele Patientinnen und Patienten ein grosser Schnitt und das Ende der verordneten Kunsttherapie. Damit sie hernach nicht in ein Loch fallen, wurde 2003 auf Betreiben des Malermeisters Otto Frick die Kunstwerkstatt Waldau auf dem Anstaltsgelände ins Leben gerufen. Als von der Waldau angestellter Handwerker war er von der hohen Qualität der geschaffenen Werke, denen er im Haus begegnete, beeindruckt. Er spürte das leidenschaftliche Bedürfnis der ambitionierten Kunstschaffenden, den eingeschlagenen Weg auch nach dem Anstaltsaustritt weiter verfolgen zu können. Wie schon Wölfli, ist vielen unter ihnen Kunst zum einzigen Sinn und Lebenszweck geworden: Bedingung für einen Atelierplatz ist eine Psychiatrieerfahrung sowie die Hingabe an die Kunst. Für Otto Frick sollte die Kunstwerkstatt den Kunstschaffenden jedoch nicht nur betreute Atelierplätze sowie unentgeltliche Materialien zum Schaffen bereitstellen – ihre Kunst der Öffentlichkeit bekannt zu machen, war ihm ebenso ein Anliegen. Das ambitionierte Projekt, das von einem rund 140-köpfigen Verein getragen wird und ohne öffentliche Subventionen über die Runden kommt, ist geglückt. Nach nahezu zwanzig Jahren haben nicht nur etliche Künstlerinnen und Künstler dank der Kunstwerkstatt ihrem Schaffen kontinuierlich nachgehen können, sondern sie haben auch an bislang 45 Ausstellungen im In- und Ausland die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf sich gezogen. Heute kommen regelmässig Kunstsachverständige in die Kunstwerkstatt und kaufen Werke oder vermitteln Ausstellungsprojekte. Seit rund drei Jahren wird für jede Ausstellung hausintern ein Katalog erstellt, der den Kunstschaffenden unter anderem die begehrte Aufnahme ins Lexikon zur Kunst in der Schweiz ermöglicht. Rund 25 betreute Atelierplätze gibt es in der Kunstwerkstatt. Die Künstlerinnen und Künstler schätzen die sozialen Kontakte unter ihresgleichen, dennoch führt der Austausch nicht zur Herausbildung einer Schule, wie Carlo Imboden betont: «Sie schauen einander überhaupt nichts ab, ihre Werke unterscheiden sich komplett voneinander.» Die Atelierplätze in der Kunstwerkstatt sind begehrt, gibt es doch in Schweiz nur rund fünf ähnliche Institutionen. Doch keine ist mit der Kunstwerkstatt zu vergleichen.

Sport verbindet
Alles begann an einem Samstagabend vor über 20 Jahren. Die Organisation eines Midnight Basketballs für Jugendliche zwischen 13 und 17 Jahren in Zürich löste damals ein gewaltiges Echo aus: «MidnightSports» war geboren. Vom Erfolg beflügelt, riefen die Organisatoren daraufhin IdéeSport ins Leben. Sie waren überzeugt, dass möglichst frühe Bewegungsförderung den Kindern zugutekommt und ihr künftiges Bewegungsverhalten nachhaltig prägt. Die Kinder und Jugendlichen sollten unabhängig von Geschlecht, Herkunft oder Religion jede Woche Sport treiben und sich mit Gleichaltrigen treffen und sich austauschen können. Und das jugendgerechte Gratis-Angebot sollte auch Jugendliche aus bescheidenen Verhältnissen anziehen. Claude Knoepfel, heute Projektmanager von IdéeSport für die Region Bern, blickt zurück: «Vielen Jugendlichen in diesem Alter fehlte damals ein geschützter Ort ausserhalb des Schul- oder Vereinssports, um sich ungezwungen begegnen und ohne Leistungsdruck Sport treiben zu können. Am riesigen Bedürfnis nach unserem niederschwelligen und betreuten Brückenangebot hat sich seither nichts geändert.» Im Gegenteil, 20 Jahre später hat der exzessive digitale Konsum, unter anderem am Smartphone, zur Folge, dass sich manche Jugendliche in der Adoleszenz immer weniger bewegen, besonders während der kalten Jahreszeit. Mittlerweile ist in der Schweiz jedes sechste Kind von Übergewicht oder Adipositas betroffen. Diesem Trend setzt IdéeSport seit seiner Gründung mit seinen Programmen an den Wochenenden im Winterhalbjahr etwas entgegen. MidnightSports etwa findet zurzeit schweizweit an 99 Orten statt und verzeichnet pro Saison fast 85'000 Teilnahmen.

Bethlehem in der Schweiz an erster Stelle
Im Kanton Bern findet MidnightSports in Wittigkofen, Bümpliz, Bethlehem, Ittigen, Thun, Huttwil und neuerdings auch in Oberdiessbach statt. Mit grossem Erfolg, so finden beispielsweise in Bethlehem über 100 Jugendliche im Oberstufenalter jeden Samstagabend ihren Weg zur Sporthalle Tscharnergut: Das ist Landesrekord. Das Angebot zieht bei den Jugendlichen vor allem deshalb so gut, weil es in erster Linie von ihnen für sie gemacht ist. Die gleichaltrigen Juniorcoachs stammen nämlich aus den jeweiligen Quartieren und sorgen so für Credibility: Die jugendlichen Teilnehmenden wären sonst schwieriger für das Angebot zu gewinnen. Die Juniorcoachs haben denn auch freie Hand bei der Programmgestaltung. Währenddessen behalten die erwachsene Projektleitung und mindestens ein weiterer erwachsener Seniorcoach das Geschehen am Abend im Auge und garantieren den reibungslosen Ablauf. Sie sind weiter für den gesamten organisatorischen Rahmen verantwortlich, der von den Juniorcoachs allein nicht zu stemmen wäre. «Das Wichtigste an den Midnight- Sports ist eine ‹fägige› Atmosphäre», betont Claude Knoepfel, «deshalb läuft immer auch Musik und es werden Chill-Ecken eingerichtet, wo sich die Jugendlichen sozial austauschen können. Denn sie können, aber müssen sich nicht sportlich betätigen. Je nach Standort stehen Pingpong-Tische oder Töggeli-Kästen zur Verfügung.» MidnightSports soll die Jugendlichen nicht nur animieren, sich in der Winterzeit mehr zu bewegen. Das sozial geprägte Angebot leistet auch Suchtprävention, da die Jugendlichen in diesem Alter gefährdet sind, sich mangels Alternativen gerade am Wochenende an Orten des öffentlichen Raums aufzuhalten, wo sie immer wieder mit Suchtmittelkonsum, Vandalismus, Littering und Gewalt konfrontiert werden.

Am Sonntag für die Kleinen
IdéeSport bietet aber auch für Kinder zwischen 6 und 12 Jahren etwas an, explizit auch für solche mit Beeinträchtigungen. Denn in der Schweiz leben rund 132'000 Kinder im Alter bis 14 Jahren mit einer Beeinträchtigung. Ihnen bleibt der Zugang zu bestehenden Sportangeboten häufig verwehrt, weil das Angebot nicht auf ihre Bedürfnisse zugeschnitten ist oder weil es den Sportvereinen und Organisationen meist an Wissen und Erfahrung im Umgang mit Kindern mit einem Handicap fehlt. OpenSundays heisst das Brücken bauende Angebot, welches jeweils am Sonntagnachmittag im Winterhalbjahr stattfindet. Es wird im Kanton vor allem in der Stadt Bern angeboten, namentlich im Manuel, Rossfeld, Schwabgut, in der Brunnmatt und Lorraine sowie in Hinterkappelen. Fast alle Standorte sind rollstuhlgängig, damit leisten diese Berner Standorte landesweit Pionierarbeit.

Ausbildung wird gross geschrieben
Wie bei MidnightSports, sind an den OpenSundays erwachsene Projektleitende, Seniorcoachs sowie Juniorcoachs im Oberstufenalter dabei. Auch hier sind Letztere aus den jeweiligen Quartieren Botschafterinnen und Botschafter des Projekts. Die Grenzen zwischen Coachs und Leitenden sind bei IdéeSport übrigens durchlässig, sind doch einstige Juniorcoachs heute selber Projektleitende. Überdies organisiert IdéeSport regelmässige Weiterbildungen für ihre Coachs, an denen sie von Fachpersonen an Coachingsowie Tageskursen geschult werden, besonders auch im Umgang mit Kindern mit Beeinträchtigungen. Die Teilnehmenden erhalten nach Abschluss der Kurse immer eine schriftliche Kursbestätigung, welche sich grosser Beliebtheit erfreut, da sie sich für die Lehrstellensuche im Lebenslauf gut macht.

Empowerment im Gastrobereich
Neben der Kunstwerkstatt Waldau und IdéeSport wurden weiter zwei Projekte im Gastrobereich ausgezeichnet. Das Kollektiv Frei_Raum in der «Heitere Fahne» in Wabern hat sich mit seinem neuartigen Kultur- und Gastrobetrieb, bei dem Inklusion gross geschrieben wird, einen weit über die Region hinaus ausstrahlenden Namen gemacht. Das Provisorium46 in der Berner Länggasse schliesslich ist ein Gastrobetrieb, der seine Mitarbeitenden mit Behinderungen befähigt und auf den ersten Arbeitsmarkt vorbereitet.

Websites der Prämierten

IdéeSport
ideesport.ch

Kunstwerkstatt Waldau
kunstwerkstattwaldau.ch

Heitere Fahne
dieheiterefahne.ch

Provisorium46
provisorium46.ch

 

abgelegt unter: EKG, Soziales, Kultur

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