Panoramen einer Leidenschaft

Er widmete sein Leben den Bergen: Der Alpinist und Panoramazeichner Gottlieb Studer bestieg bis ins hohe Alter zahlreiche Gipfel. Neu sind sämtliche Panoramen aus seinem umfangreichen Nachlass in der Burgerbibliothek digital zugänglich.

Gemeinde Kultur
Skizze einer Berglandschaft mit Beschriftungen

Mit 62 Jahren – für die damalige Zeit unüblich früh – beendete Gottlieb Studer seine berufliche Karriere, um sich seiner Leidenschaft zu widmen: der Erforschung und topografischen Aufzeichnung der Alpen. Bereits als junger Mann erklomm er begeistert Berge und hielt die eindrucksvollen Panoramen in Zeichnungen fest. Der sportliche Wettkampf interessierte ihn dabei weniger als die Berglandschaft zu erleben, zu beobachten und zu erfassen.

Aussichten aus ganz Europa

Zwischen 1819 und 1881 fertigte Gottlieb Studer insgesamt über 900 grosse Panoramen an, die oft mehrere Blätter umfasst und teils bis drei Meter lang sind. Zu seinen beliebtesten Motiven gehörten die Schweizer Hochalpen, das bernische Hügelland und die Voralpen zwischen Genfer- und Vierwaldstättersee. Doch hielt er auch auf längeren Reisen im Ausland Berglandschaften fest, etwa im Piemont, in Tirol, Savoyen, Wales, Bayern sowie in Norwegen und Schweden. Dort zeichnete er nicht nur von Gipfelpunkten aus, sondern vom Hotelbalkon – oder sogar aus dem fahrenden Zug.

Gottlieb Studers Panoramen zeichnen sich durch ihre Genauigkeit und Detailtreue aus. Gipfel, Täler und Gletscher sind topografisch korrekt angeordnet, was seine Zeichnungen besonders wertvoll macht: Zugleich anschaulich und funktional verbanden sie praktische Orientierungshilfe, Wissenschaft und Kunst. 
 

Hohe Spitzen im hohen Alter

Auch alpinistisch war Studer eine prägende Figur. Er gehörte 1863 zu den Mitgründern des Schweizer Alpen-Clubs SAC, amtete zehn Jahre lang als Präsident der Sektion Bern und blieb ihr später als Ehrenpräsident verbunden. Nach seinem Tod stiftete die Sektion ihm zu Ehren ein Denkmal: den Studerstein am Rande des Bremgartenwaldes.

Gottlieb Studer stand insgesamt auf 643 Gipfeln, davon auf 20 als Erster. Diese Expeditionen dokumentierte er im Detail in seinem «Verzeichnis der von mir erstiegenen Berghöhen über 1300 Meter». Mit 81 Jahren erklomm er einen letzten markanten Aussichtspunkt und hielt fest: «Trotz Alter und geschwächter Sehkraft bestieg ich am 16.9.1885 noch das Niederhorn bei St. Beatenberg.»  Seine Erlebnisse und sein Wissen über die Berge beschrieb er in zahlreichen Berichten und im vierbändigen Werk «Über Eis und Schnee», das zwischen 1869 und 1871 entstand und zu den grundlegenden Texten der frühen Alpingeschichte zählt. 

Vom Papier zum Bildschirm

Gottlieb Studer vermachte seine grosse Panoramasammlung testamentarisch   der SAC-Sektion Bern. 1981 gelangte der Bestand als Depositum in die Burgerbibliothek Bern, 2025 wurde daraus eine Schenkung. Im Gegenzug verpflichtete sich das Archiv, die Sammlung besser zugänglich zu machen: Seit Januar 2026 sind die Panoramen im Archivkatalog somit digital verfügbar. 

Der Nachlass umfasst nebst rund 870 grossen Panoramen und 20 Skizzenbüchern mit etwa 1200 Zeichnungen auch umfangreiche Manuskripte, Korrespondenzen, biografische Notizen und sogar Gedichte. Zusammen zeichnen sie das eindrückliche Bild eines Mannes, der seine Leidenschaft für die Alpenwelt als Panoramazeichner, Reiseberichterstatter, Kartograph, Topograf und Bergsteiger dokumentierte und sein Wissen über die Berge für weitere Entdeckungen verfügbar machte.
 

Wer war Gottlieb Studer?

Gottlieb Samuel Studer (1804-1890) wuchs in Bern auf. Nach seiner Ausbildung zum Notar arbeitete er im bernischen Justiz- und Polizeidepartement und amtete ab 1850 als Regierungsstatthalter. Als Burger und Angehöriger der Zunftgesellschaft zu Metzgern war er in zahlreichen burgerlichen Gremien tätig und setzte sich dort besonders für bedürftige Personen ein.

Als Panoramazeichner, Alpinist, genauer Beobachter und Verfasser von ausführlichen Tourenbeschreibungen leistete Gottlieb Studer einen wichtigen Beitrag zur Erforschung des alpinen Raums, lange bevor moderne Karten, Luftbilder oder GPS existierten. Die Burgerbibliothek Bern hat über 2000 einzigartige Bergpanoramen und Skizzen aus Studers Nachlass digitalisiert und online zugänglich gemacht. Die teils bis zu drei Meter langen Zeichnungen entstanden zwischen 1819 und 1881. Sie erweiterten das Wissen über die Topografie der Alpen erheblich und dienten Alpinisten und Reisenden als unverzichtbare Orientierungshilfen – zu einer Zeit, als verlässliche topografische Karten erst im Entstehen waren.

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