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Sie bauen Brücken zwischen den Menschen

19.04.2021

Sie setzen sich seit ein paar Jahren ohne Umschweife für Geflüchtete in Bern ein. Für dieses Engagement wurde nun der «IntegrationsBrücke Bern» der Haupt- sowie «KUNE Aid» der Anerkennungspreis des diesjährigen «Prix Effort», des Preises der Burgergemeinde Bern für Engagements von Jungen, verliehen. Förderpreise eroberten der nachhaltige Fashion-Online-Shop «Envica», die Coaches der Generation Z «Kitoko People» sowie das quirlige «Romanesco Duo» mit seinen perkussiv-atmosphärischen Sounds.

TEXT: MARTIN GRASSL; BILDER: ZVG

Seine Ankunft 2015 im Flüchtlingszentrum in der alten Feuerwehrkaserne Viktoria in Bern hat Farhad Haji heute noch in lebhafter Erinnerung. «Über 150 Freiwillige im Quartier engagierten sich damals für uns», blickt der kurdische Flüchtling aus Syrien zurück, «ich fand ideale Bedingungen vor, mich hier zu integrieren. Ein Kollege von mir dagegen hatte weniger Glück. In seinem Zentrum war lediglich eine Freiwillige für alle Geflüchteten als Vermittlerin vor Ort.» Farhad Haji fühlte sich damals von seiner Aufnahme gleichsam inspiriert und fasste den Plan, selbst einmal in die Fussstapfen als Freiwilliger zu treten und dabei seine Erfahrung als Fluchtbetroffener einzubringen. Mit Leichtigkeit erlernte er die deutsche Sprache und vermochte sich ebenso rasch in unserer Gesellschaft einzuleben.

Vor drei Jahren setzte er den gefassten Plan mit seinem Vereinsprojekt «IntegrationsBrücke Bern» um. «Es gibt hier zwar viele Angebote für Geflüchtete», erklärt Farhad Haji, «doch sie sind wenig sichtbar und den Betroffenen oft nicht bekannt. Ich helfe ihnen, in diesem Dschungel klarzukommen. Die ‹IntegrationsBrücke Bern› steht arabisch und kurdisch sprechenden Menschen mit Migrationshintergrund zur Seite, sie sollen sich gestärkt fühlen.» Obwohl Farhad Haji allein agiert, ist er mittlerweile gut vernetzt. Er kennt alle relevanten Anlaufstellen und Angebote auf dem Platz, sei es für Rechtsberatungen oder sprachliche Unterstützung. Was für Einheimische nämlich «einfach» scheint, kann für Geflüchtete schnell beängstigend und überfordernd sein, weil sie beispielsweise Formulare der Behörden nicht verstehen, Mühe bei der Arbeits- oder Wohnungssuche haben oder ärztliche Behandlung benötigen, jedoch nicht wissen, wie unser Gesundheitssystem funktioniert. Farhad Haji nimmt sich für seine Klientinnen und Klienten viel Zeit und ist ihnen Sozialarbeiter, Berater, Übersetzer, Vertrauensperson, Psychologe, Coach oder sogar Freund. Aktuell laufen die Geflüchteten infolge der wegen Corona verfügten Kontaktbeschränkungen weiter Gefahr, allein gelassen zu werden. «Die Anfragen sind seit Corona deutlich gestiegen», betont Farhad Haji, «ich helfe meinen Klientinnen und Klienten nun oft am Handy oder online weiter.» Dieses Jahr will Farhad Haji die «IntegrationsBrücke Bern» breiter abstützen. Geplant ist die Aufschaltung einer Website in deutscher Sprache, und mit der Schaffung von 60 bis 80 Stellenprozenten soll das Angebot professionalisiert werden, damit die Anfragen fortan jeweils binnen 48 Stunden beantwortet werden können. Das mit dem «Prix Effort»-Hauptpreis verbundene Preisgeld von 10 000 Franken will Farhad Haji in geplante Neuerungen investieren.

Zusammen geht es besser
«Kune» bedeutet in der Weltsprache Esperanto «zusammen». Dass sie es zusammen gut können, merkte ein Grüppchen junger Studis der Uni Bern sogleich während gemeinsamer Hilfseinsätze in Flüchtlingslagern in Slowenien und Griechenland in den Jahren 2015/16. Dies bewog sie vor fünf Jahren zur Gründung des Vereins «KUNE Aid», der sich für Menschen auf der Flucht einsetzt. Doch Hilfe für Geflüchtete leisten tut auch im eigenen Land Not, wie Elena Liechti von «KUNE Aid» erklärt: «Als eine der ersten Aktionen seit unserer Gründung boten wir 2017 Bewohnerinnen und Bewohnern der unterirdisch gelegenen Asylzentrumsanlage in Brünnen bei Bern ein wöchentliches Joggingprogramm an, damit sie an die frische Luft kommen. Das Echo war gross!» Das Joggingangebot, «KUNE rennt», konnten sie bald schon auch unterkunftsübergreifend durchführen. Selben Jahres nahm «KUNE rennt» zusammen mit einer grossen Gruppe Asylsuchender auch am Grand Prix von Bern teil. Seit 2018 sind sie dort alljährlich im Rahmen eines Spendenlaufs für Menschen auf der Flucht mit von der Partie. Weiter wurde mit «KUNE kickt» ein regelmässiges Fussballtraining sowie speziell für Frauen Angebote für Tanz und Yoga ins Leben gerufen. «KUNE Aid» engagiert sich aber weiterhin für Geflüchtete im Ausland. Jede Woche werden dazu im früheren Zieglerspital in Kooperation mit anderen Organisationen Kleiderspenden für den Transport in die Flüchtlingslager in Europa parat gemacht. «Es ist toll zu erleben, dass mittlerweile Asylsuchende, die wir durch unsere Tätigkeit kennen gelernt haben, bei uns mithelfen, etwa bei unserer Kleidersammelstelle», freut sich Elena Liechti, «sie sind uns eine grosse Unterstützung.» Für die Aktion #notentwaste wurden 2019 überdies rund 100 zurückgelassene Zelte an Schweizer Musikfestivals zusammengesammelt und Menschen in griechischen Flüchtlingslagern gespendet, bedacht wurden aber auch Obdachlose in Bern. Corona hat auch die Tätigkeit von «KUNE Aid» ins Stocken gebracht. «Die Sportprojekte sind momentan auf Eis, doch wir hoffen, bald wieder loslegen zu können», greift Elena Liechti vor, «und weitere Angebote wie ein kombinierter Gesangs- und Tanzkurs sind schon in der Pipeline, dazu ein Velosammelprojekt für Geflüchtete inklusive Fahr- Verkehrsregelkurs.» Von Stillstand konnte infolge Corona auch sonst keine Rede sein. Da die Pandemie zum Wegfall von Deutschkursangeboten für asylsuchende Kinder und Erwachsene geführt hatte, lancierte der Verein «Tandem». Im Bekanntenkreis wurden Deutschlehrerinnen und -lehrer für den Eins-zu-eins-Online-Unterricht vermittelt. Bald waren rund 60 derartiger Tandems «unterwegs», aus einigen sind sogar Freundschaften erwachsen. Die mit dem Anerkennungspreis gewürdigten Engagements von «KUNE Aid» sind nur dank des grossen Teams zu stemmen. So sind die zehn jungen Vorstandsmitglieder des Vereins mittlerweile gemeinsam mit bis zu 70 Freiwilligen tätig.

Hilfe für die Generation Z, perkussiver Klangteppich
«Ich kenne Arno Luginbühl seit Kindsbeinen vom Fussballplatz, wir haben das Miteinander von Menschen einfach gern», fasst Amadeo Disasi von «Kitoko People» das Coachingprojekt der Sportfreunde zusammen, zu denen kürzlich noch Malik Hashim dazugestossen ist. «Nach meinem Studium in Betriebswirtschaft wollte ich nicht in die Industrie gehen, sondern etwas mit Menschen machen.» Eine Arbeitserfahrung im sozialen Bereich bekräftigte Amadeo Disasi in seinem Ansinnen. Zusammen mit seinen Freunden Arno Luginbühl und Malik Hashim eigneten sich die Quereinstiger im Selbststudium vor allem Kenntnisse in Psychologie an. Kerngedanke ihres Projekts war Self-Empowerment: Hilfestellung im Umgang mit Ängsten, Emotionen, Alltagsstress sowie die Stärkung des Selbstwertgefühls ihrer künftigen Klientinnen und Klienten. Erste Workshops wurden ausgeschrieben. Mittlerweile betreuen «Kitoko People» überwiegend die Generation Z und Y. «Besonders die 15- bis 25-Jährigen sind unerwartet stark von Vereinsamung betroffen», erklärt Amadeo Disasi, «in dieser Altersgruppe ist die Entfremdung von sich selbst durch die dauernden Vergleiche mit anderen, besonders infolge Social Media, ein grosses Problem.» In den letzten zwei Jahren haben «Kitoko People» rund 900 Personen in über 80 Workshops und 200 Coachingstunden persönlich begleitet, teils ganze Schulen und Unternehmen. «Wir wollen die Menschen individuell stärken, damit sie im Team besser interagieren können», beschwört Amadeo Disasi den gemeinsamen Fussballergeist aus alten Tagen herauf. Dafür wurden sie nun mit dem Förderpreis des Prix Effort ausgezeichnet.

Denselben Preis eroberten auch «Envica» und das «Romanesco Duo»: Nachhaltiger Lifestyle soll Spass machen und nicht nur das Gewissen beruhigen, so das Motto von Arshya Shahheydari und von «Envica», seinem Online-Shop für nachhaltige, faire Mode und Körperpflegeprodukte. Und als Finale: Luftig atmosphärisch und doch punktgenau, so erklingen die jazzigen Minimal Music Sounds des prämierten «Romanesco Duos» mit Romane Bouffioux am Schlagzeug und Corentin Barro am Vibraphon.

Prix Effort: Bereit für die Zukunft

Im September startet die Ausschreibung für den Prix Effort 2021. Ausgezeichnet werden wiederum clevere Projekte und gesellschaftliche Engagements aus den Sparten Soziales, Kultur, Design, Wirtschaft, Sport oder Wissenschaft. Bewerben können sich junge Leute zwischen 16 und 27 Jahren, das Projekt muss einen Bernbezug aufweisen. Aktuelle Informationen gibt es unter www.prixeffort.ch

abgelegt unter: EKG, Prix Effort

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