Menschen erreichen, die sonst niemand erreicht
TEXT: SOFJA JAKOB BILD: MARK MELLEMA
Mit «Bienne in Kontakt – gemeinsam stark» verfolgt das Team in Biel ein klares Ziel: Menschen erreichen, die bestehende Unterstützungsangebote oft nicht nutzen, nicht aus Mangel an Bedarf, sondern wegen Hemmschwellen. Scham, Sprachbarrieren oder fehlendes Wissen stehen dem Zugang oft im Weg.
Statt neue Strukturen aufzubauen, arbeitet «Bienne in Kontakt» mit dem, was bereits da ist, nämlich mit Vertrauen. Denn viele Menschen wenden sich in schwierigen Situationen nicht direkt an Fachstellen, sondern an Personen aus ihrem Alltag zum Beispiel im Coiffeursalon, in der Physiotherapie oder am Kiosk. Diese Beziehungen zu den Vertrauenspersonen bilden die Grundlage des Projekts. «Irgendwo haben die meisten eine Person, der sie sich anvertrauen und genau diese Verbindung wollen wir stärken», erklärt Nora Moor. So entsteht ein Netzwerk, welches aus bestehenden Beziehungen wächst.
Ein zentraler Unterschied zu klassischen Angeboten liegt dabei in der Haltung des Teams. «Uns ist sehr wichtig, dass wir nicht die Expert:innen sind, sondern wir sind die, die den Prozess begleiten», betont Nora Moor in unserem Interview. Lösungen werden nicht vorgegeben, sondern gemeinsam mit den sogenannten Vertrauenspersonen entwickelt. Diese wissen am besten, was es im Alltag braucht und was aktiv bei den bedürftigen Personen funktioniert.
Diese Herangehensweise zeigt bereits Wirkung. In Workshops und Austauschrunden wurden zahlreiche Ideen gesammelt, ausprobiert und weiterentwickelt. «Das kann eine Entlastung sein», schildert Nora Moor zu einer gemeinsamen WhatsApp-Gruppe, in der Fragen gestellt werden können, die jeder beantworten kann. So kann die Gemeinschaft sich untereinander helfen, dass sich solche Instrumente langfristig selbst tragen könnten.
Doch der Aufbau eines solchen Netzwerks braucht Zeit. Beziehungen entstehen nicht auf Knopfdruck, Vertrauen wächst Schritt für Schritt. Genau darin liegt zugleich die Herausforderung und die Stärke des Projekts. Es setzt dort an, wo klassische Angebote oft nicht greifen: im Alltag der Menschen.
Für das Team ist «Bienne in Kontakt» deshalb mehr als ein Projekt. Es ist ein Ansatz, der zeigt, wie Unterstützung neu gedacht werden kann: weg von starren Strukturen hin zu lebendigen Netzwerken. Ein Modell, das nicht nur in Biel funktioniert, sondern auch an anderen Orten entstehen kann.
Dieses Projekt wurde im Rahmen des Ideenwettbewerbs 2025 zum Thema gesellschaftlicher Zusammenhalt von der Burgergemeinde Bern ausgezeichnet.