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Eine Uferschwalbe kommt selten allein

08.05.2019

Manuel Schweizer treibt dieselbe Frage um, die auch schon Alexander von Humboldt beschäftigt hat: Warum kommt eine Art in einer gewissen Region vor? Der Ornithologie-Kurator am Naturhistorischen Museum Bern untersucht die Artenvielfalt am Beispiel der Uferschwalbe. Zu diesem Zweck reist er auch durch das Tibetische Plateau oder die mongolische Steppe.

 

TEXT: MANUEL SCHWEIZER; BILDER MANUEL SCHWEIZER UND PAUL WALSER SCHWYZER

«Wie waren die Ferien?» Wenn ich von einer Forschungsreise zurückkehre, höre ich meist diese Frage. Die Arbeit draussen im Feld ist sicher der schönste Teil meines Jobs und entschädigt mich für viele im Labor, in Sammlungsräumen oder vor dem Computer verbrachte Stunden. Das Reisen über hunderte von Kilometern auf unbefestigten Strassen quer durch die mongolische Steppe auf der Suche nach bestimmten Vögeln ist aber auch anstrengend.

Warum gibt es in der Schweiz keine Papageien?

Ich forsche zur Entstehung der Artenvielfalt, insbesondere der Vögel. In verschiedenen Gebieten der Erde trifft man auf ganz unterschiedliche Arten, die Tropen sind dabei generell artenreicher. In den Alpen etwa sucht man Papageien vergebens, in Südamerika dagegen haben die verschiedenen Papageienarten nahezu alle Lebensräume besetzt – selbst das Hochgebirge. Wie diese unterschiedliche Verteilung der Artenvielfalt erklärt werden kann, darüber machten sie schon grosse Naturforscher Gedanken. Doch noch heute bleibt vieles ungeklärt und ist Forschungsgegenstand der Biogeographie. In diesem Bereich bin ich im Rahmen meiner Forschungstätigkeit am Naturhistorischen Museum tätig. In meiner Doktorarbeit befasste ich mich mit der Entstehungsgeschichte der Papageien. Schon lange fasziniert mich aber die Biogeographie der Vögel der Wüsten, Steppen und Gebirge Eurasiens und Afrikas.

Unbekannte Artenvielfalt

Um die Entstehung und geografische Verteilung der Artenvielfalt erforschen zu können, muss man über sie gut Bescheid wissen. Doch selbst bei einer gut erforschten Gruppe wie den Vögeln sind noch Fragen offen. Während der Arbeit an einem Bestimmungsbuch über die Vögel Zentralasiens habe ich mich zum ersten Mal eingehend mit den Uferschwalben befasst, kleinen braunen Zugvögeln, die in selbstgegrabenen Höhlen brüten. Lange gingen die Ornithologen von einer Uferschwalbenart in Eurasien aus, bis russische Forscher in den 1990er-Jahren eine wichtige Erkenntnis machten: In Zentralasien kommen eine blass gefärbte Form sowie die normale Uferschwalbe in den gleichen Gebieten vor – ohne dass sie gemischte Paare bilden. Die blasse Form wurde fortan als eigene Art, die Fahluferschwalbe, angesehen. Später konnten genetische Unterschiede zwischen den beiden Vögeln dokumentiert werden. Doch die Sache ist etwas komplizierter: Wie morphologische und genetische Analysen von mir und meinen Kollaborationspartnern kürzlich erwiesen haben, könnte auch die Fahluferschwalbe aus mehreren, sogenannten kryptischen Arten bestehen. Denn die Fahluferschwalbe kommt nicht nur in Zentralasien vor, sondern auch auf dem Tibetischen Plateau, im südöstlichen Tiefland Chinas und im Nordwesten des Indischen Subkontinents. Diese Populationen unterscheiden sich nicht nur leicht in ihrer Färbung und Gestalt, sondern sind genetisch deutlich voneinander getrennt.

Für unsere Untersuchungen reiste ich 2016 mit meinem chinesischen Kollaborationspartner Dr. Yang Liu von der Sun Yat-sen Universität in Guangzhou auf das Tibetische Plateau. Viele hunderte Kilometer fuhren wir auf über 3000 Metern Höhe im Tibet auf der Suche nach Fahluferschwalben umher, doch erst am zweitletzten Tag unserer Forschungsreise konnten wir die erste grössere Kolonie entdecken.

Meine Studie dieser Vögel ist aber noch lange nicht abgeschlossen. Gibt es zwischen den verschiedenen unterschiedlichen Formen keine Vermischung? Lassen sich Anpassungen an ihre unterschiedlichen Habitate im Erbgut finden? Diese zentralen Fragen sind Gegenstand einer laufenden Doktorarbeit, die ich derzeit betreue.

Manuel Schweizer

Manuel Schweizer ist Kurator am Naturhistorischen Museum und auf Vögel spezialisiert. In weiteren Projekten untersucht er zum Beispiel Artbildungsprozesse bei Steinschmätzern oder die Biogeographie der Karmingimpel.
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