Ein Glücksfall

Publiziert: 25.10.2016

Das Naturhistorische Museum der Burgergemeinde Bern konnte
kürzlich den bedeutendsten Meteoriten-Fund der Schweiz vermelden. Der Leiter der Erdwissenschaften am Naturhistorischen Museum war an der Entdeckung des Streufelds auf dem Twannberg hautnah beteiligt.

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1 / 3 Beda Hofmann auf dem Mont Sujet bei der Meteoritensuche.
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2 / 3 TW327 alias «Batman», ein Stück des Twannberg-Meteoriten
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3 / 3 In der Ausstellung


TEXT: BEDA HOFMANN; BILDER: PETER AUCHLI und LISA SCHÄUBLIN

Während der letzten Monate wurde ich öfters gefragt, was denn eigentlich das wirklich Spannende am Fund des Twannberg-Meteoriten sei. Etwa, dass es sich um das einzige Meteoritenstreufeld der Schweiz und um einen von lediglich acht Meteoriten in der Schweiz handelt? Ist es die Tatsache, dass der Eisenmeteorit Twannberg mit weltweit nur vier vergleichbaren Geschwistern extrem selten ist? Oder ist es die spezielle Zusammensetzung, reich an Phosphor und arm an Nickel? Ja, auch. Das wirklich Aufregende an den vielen Twannberg-Funden ist für mich jedoch, dass mitten im Berner Jura das Geheimnis einer kleinen kosmischen Katastrophe verborgen liegt. Dass ein derartiges Geheimnis vor meiner Haustüre schlummerte, hat sich aber erst während der letzten drei Jahre, ja eigentlich erst den letzten Monaten erwiesen. Dabei muss man wissen: Ich forsche schon seit Jahrzehnten zu Meteoriten. Auch leite ich fast jedes Jahr Expeditionen, um Meteoriten zu suchen, etwa in den Oman.

Dieses Rätsel hat sich Stück für Stück gelüftet, und wir wissen noch längst nicht alles. Soviel ist aber klar: Nördlich des Bielersees liegen hunderte, wahrscheinlich sogar tausende Fragmente eines Meteoritenschauers, der sich vor rund 160 000 Jahren ereignete. Auf Äckern, im Wald und in Felsspalten verbergen sich die Splitter eines zerborstenen kleinen Asteroiden. Über Jahrtausende wurden sie von niemandem wahrgenommen. Wirklich nicht?

Mindestens drei Stücke dieses Meteoriten wurden schon vor langer Zeit bemerkt: Ein Fragment kam als «Eisenerz» in ein Bieler Museum, ein weiteres in eine Brockenstube ebenfalls in Biel, und ein drittes verirrte sich auf einen Estrich in Twann. Jahrzehnte, vielleicht Jahrhunderte blieben diese Stücke unerkannt.

Im Jahr 1984 sammelte die Bäuerin Margrit Christen auf einem frisch gepflügten Feld auf dem Twannberg Steine. Einer, gross wie ein Brotlaib, erregte wegen seines besonders hohen Gewichts ihre Aufmerksamkeit. Im Jahr darauf kam Jemandem die Idee, dass es ein Meteorit sein könnte. Auslöser war die Medien-Aktivität des damals auf Meteoriten spezialisierten Bally-Museums. Der frisch erkannte Meteorit von 15,9 Kilo-gramm Gewicht wurde analysiert und dokumentiert.

Im Jahr 2000 dann fiel dem Schreiner Marc Jost ein Stück Eisen auf dem Twanner Estrich auf. Er hatte zuvor in einem Museum einen Meteoriten gesehen, und war sich nun sicher, etwas Gleichartiges erkannt zu haben. Sein Anruf am Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern markierte den Beginn unserer Zusammenarbeit.

Doch auch weitere Zufälle müssen erwähnt sein: Das «Eisenerz» der Bieler Sammlung wurde 2005 im Museum in Bern als Meteorit erkannt, und 2007 fanden Goldwäscher drei kleine Meteoritenfragmente im Twannbach. In den Jahren darauf gelangen zwei Spürnasen gleich 75 weitere Funde. Die richtig wilde Suchphase begann aber ab September 2013. Plötzlich wurden in der Nähe des Fundorts von 1984 neue Stücke entdeckt. Sammler und Museum erkundeten die Region mit gemeinsamen Aktionen. 2015 kamen dann auf der Hochfläche des Mont Sujet hunderte von Fragmenten zum Vorschein. Damit wurde auch die Falldynamik erkennbar: Aufgrund der von Nordost nach Südwest systematisch zunehmenden Grösse der Meteoritenfragmente musste der Fall in derselben Richtung erfolgt sein.

Eines der interessantesten analytischen Resultate zum Twannberg-Meteoriten stammt aus dem Edelgaslabor von Professor Ingo Leya am Physikalischen Institut der Universität Bern: Die Analysen zeigen, dass die Twannberg-Fragmente Bestandteil eines Asteroiden von rund 6 bis 20 Metern Durchmesser und von mindestens 1000 Tonnen Gewicht waren. Damit gehört Twannberg in die Liga der wirklich grossen Fälle. Funde wie kürzlich derjenige des 30-Tonnen-Meteoriten in Argentinien sind also prinzipiell auch bei uns möglich. Jedenfalls machen die bisher gefundenen rund 75 Kilogramm Meteoritenmaterial nur einen winzigen Bruchteil des gesamten am Twannberg niedergefallenen Asteroiden aus. Daher ist das Rätsel rund um den Twannberg-Meteorit noch lange nicht endgültig gelöst: Wieviel ist damals zu Staub verglüht? Was liegt noch auf den Wiesen und in den Wäldern nördlich des Bielersees?

Website Twannbergmeteorit

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Bärner Müschterli

Gigele und gugle mit bärnischi Anekdote, erzellt vom J. Harald Wäber.

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