Tapisserienpflege ohne Trinkgeld – Konservierungsmassnahmen an den Berner «Cäsartapisserien» früher und heute

Publiziert: 14.05.2018
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Die Berner hatten 1476 vom Schlachtfeld von Grandson und 1537 aus dem Schatz der Kathedrale von Lausanne fragile Wandbehänge nach Bern überführt. Der Erhalt dieser Luxusgüter zog spezielle konservatorische Massnahmen nach sich, früher wie heute.

TEXT: SUSAN MARTI UND MAIKE PIECUCH; BILD: CHRISTINE MOOR/BERNISCHES HISTORISCHES MUSEUM

kURZ nach 1800 beschwerten sich die Siegriste des Münsters in Bern über eine Neuerung zur Pflege der Bildteppiche aus Flandern, die damals dort aufbewahrt wurden. Ihnen oblag bisher diese Pflege, jetzt aber wurde eine Fachfrau damit beauftragt. Sie hatte die kostbaren Textilien «Stück für Stück untersucht, im Klosterhof auf grosse Gerüste und auf Waschtische gehängt, und gründlich geputzt und ausgeklopft». Die Übertragung der Aufgaben an eine Spezialistin empörte die Siegriste, denn dadurch entgingen ihnen Trinkgelder aus der Öffentlichkeit. Dieser Zwischenfall ist aufschlussreich – er zeigt die Sorge der bernischen Obrigkeit um das ihnen anvertraute kulturelle Erbe sowie die Bereitschaft breiterer Kreise, dafür Geld zu spenden.

Aus heutiger musealer Perspektive kommt uns das bekannt vor: Der finanzielle Aufwand für die Pflege des fragilen textilen Erbes ist kostspielig und bedarf öffentlicher wie privater Mittel. Heute wird dieser Aufwand als eine Kernaufgabe derjenigen Institutionen wahrgenommen, die das Erbe aufbewahren, im Fall der Tapisserien das Bernische Historische Museum. Es gibt Spezialistinnen und Spezialisten, die die Unterhaltsarbeiten im Rahmen ihrer entlöhnten Anstellung fachgerecht ausführen. Das Trinkgeld entfällt.

Geblieben ist die Sorge um den Erhalt von kostbaren Objekten, die einst für den Schmuck fürstlicher Räume bestimmt waren, die später aber auch anderen Verwendungszwecken dienten: Sie wurden Siegestrophäen, frühe Berner Ausstellungsstücke, Raumdekor für die Versammlungen der Tagsatzung und schliesslich nationales Kulturerbe, das eigentlich den Sitz des Schweizerischen Nationalmuseums hätte nach Bern holen sollen. Geblieben sind auch Grundzüge im Umgang mit den fragilen Textilien: «Stück für Stück untersucht» wurden die Bildwirkereien offenbar auch schon um 1800. Mit den heutigen präziseren Dokumentationsmethoden dauert das allerdings länger: Der Zustand der vier Tapisserien mit der Geschichte von Julius Cäsar, entstanden in Flandern wohl um 1460, wurde während vier Jahren (2012 – 2016) fotografisch und schriftlich dokumentiert, die Schäden und älteren Restaurierungsmassnahmen genau kartiert.

Nach der Zustandsdokumentation erfolgen die eigentlichen Erhaltungsmassnahmen, zu denen früher wie heute die Reinigung gehört. Während Textilien früher routinemässig gewaschen wurden, reinigt man Tapisserien heute nur noch in wenigen Spezialwerkstätten und unter kontrollierten Bedingungen mit Wasserdampf. Da Staub und Schmutzablagerungen nach wie vor Gefahrenquellen sind, erfolgt die Reinigung der Vorder- wie der Rückseite heute mechanisch mit einem fein regulierbaren Staubsauger mit Spezialfilter. Das Absaugen der Rückseite ist der erste Arbeitsgang, mit dem am Bernischen Historischen Museum im Frühling 2017 die beiden Textilrestauratorinnen Stefanie Göckeritz und Maike Piecuch die Konservierungsarbeiten an der ersten Cäsartapisserie aufgenommen haben. Das Absaugen der Vorderseite erfolgt parallel zu den Nähsicherungsarbeiten. Dabei werden offene Schlitze im Gewebe durch feine Stiche mit Baumwollfaden geschlossen und Fehl-und Schwachstellen rückseitig mit einem passend eingefärbten Unterlagsgewebe gesichert. Die Arbeit an der ersten Tapisserie wird im Sommer 2018 abgeschlossen sein.

Zu den Kontinuitäten in der Pflege der Tapisserien zählt auch die Erkenntnis, dass es immer des Zusammenwirkens von besorgtem Eigentümer und interessierter Öffentlichkeit bedurfte, um kostbares Kulturgut langfristig zu erhalten. Nur was in einer Gesellschaft Wert geschätzt wird und was in unterschiedlichen Verwendungskontexten eine Bedeutung hat, überlebt jahrhundertelang.

 

Bärner Müschterli

Gigele und gugle mit bärnischi Anekdote, erzellt vom J. Harald Wäber.

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