Herausforderungen und Zukunft in der Langzeitpflege

Publiziert: 08.05.2019
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Dr. med. Heinrich Kläui mit einer Spittel-Patientin

Von Gesetzes wegen muss jede Altersinstitution einen zuständigen Arzt verpflichten, auch wenn die Bewohnerinnen und Bewohner ihren Arzt frei wählen können. Bereits seit 16 Jahren steht Dr. med. Heinrich Kläui einerseits der Direktion des Burgerspittels als beratender Arzt zur Seite, andererseits betreut der erfahrene Mediziner rund 150 Patientinnen und Patienten an den Standorten der Institution im Viererfeld und am Bahnhofplatz.

TEXT UND BILD: FRANZISCA ELLENBERGER

Medaillon: Welche Herausforderungen gibt es heute in der Langzeitpflege?

DR. MED. HEINRICH KLÄUI: An erster Stelle möchte ich den Personalmangel erwähnen. Im Burgerspittel ist man in der komfortablen Lage, dass es noch genug und vor allem auch sehr gut ausgebildete Pflegende gibt. Andere Altersinstitutionen haben teilweise grosse Schwierigkeiten.

Woran liegt es, dass der Burgerspittel nicht so grosse Mühe hat, gutes Personal zu rekrutieren?

Ich denke, das kommt vom guten und angenehmen Arbeitsklima – soweit ich das beurteilen kann. Das macht den Burgerspittel attraktiv für Mitarbeitende.

Welche Herausforderungen gibt es noch zu meistern?

Die Spitäler entlassen ihre Patienten nach einer Operation früher als noch vor ein paar Jahren und verlegen sie in eine Pflegeinstitution. Die Krankenkassen sind restriktiver geworden und bezahlen anders als früher kaum mehr Rehabilitationsaufenthalte. Somit entsteht in einem Betrieb eine gewisse Unruhe. Man kennt die Menschen und ihre Krankheitsgeschichte noch nicht gut. Und kennt man sie besser, so gehen sie schon wieder nach Hause. Man muss sich immer wieder auf neue Situationen einstellen, und zum Teil benötigen diese Patienten intensive Pflege.

Wie wirkt sich die demografische Entwicklung auf die Langzeitpflege aus, da die Menschen immer älter werden?

Alte Menschen entschliessen sich zum Eintritt in eine Pflegeinstitution, wenn alle Möglichkeiten wie Spitex, Reinigungs- und Mahlzeitendienst zu Hause ausgeschöpft sind. Sie kommen heute nicht zu früh in die Altersinstitution, sondern oft quasi im letzten Moment. Manchmal sind sie in einem schlechten körperlichen und psychischen Zustand. Das Eintrittsalter steigt stetig. Heute beträgt das Durchschnittsalter bei Eintritt in den Burgerspittel 88 Jahre. Auch die Anzahl von dementen Menschen ist stark gestiegen. Körperlich sind diese Menschen nicht krank, aber sie benötigen viel Betreuung. Der Burgerspittel reagierte auf diese Situation, indem die Demenzabteilung vergrössert wurde.

Wie sieht denn die Situation punkto Finanzierung aus?

Unser Finanzierungssystem unterscheidet zwischen Behandlung und Betreuung. Die Kosten der Behandlung, also der Pflege, übernehmen die Krankenkassen, einen kleinen Teil die Betroffenen selber sowie die Kantone oder die Gemeinden als Restfinanzierer. Die Kosten der Betreuung gehen zulasten der Bewohnenden – das ist unselig. Denn Betreuung heisst mit Menschen sprechen, einen Spaziergang unternehmen, Aktivierungstherapien und kulturelle Angebote anbieten. Der Burgerspittelbietet eine grosse Auswahl an Zusatzangeboten, die das Leben in der Altersinstitution lebenswerter machen. Sehr gut kommen bei den Bewohnerinnen und Bewohnern auch die Kontakte mit den Freiwilligen und den jungen Zivildienstleistenden an. Sie bringen die Aussenwelt und Schwung in die Bude.

Wie sieht das Zukunftsszenario in der Langzeitpflege aus?

Die Menschen werden weiterhin erst im letzten Moment in eine Pflegeinstitution gehen. Die Akutspitäler müssen immer mehr auf ihre Rendite schauen und werden die Patienten noch früher entlassen. Es werden heute viele Pflegende ausgebildet. In einem gewissen Mass kann man den Personalmangel damit auffangen. Schwierig bleibt nach wie vor die Betreuung. Es sollte in allen Altersinstitutionen möglich sein, dass nebst der Basispflege auch die zwischenmenschlichen und kulturellen Bedürfnisse der alten Menschen gestillt werden können. Wir haben eine gesellschaftliche Verpflichtung, allen alten Menschen einen anständigen Lebensabend in Würde zu ermöglichen. Ein Teil des Reichtums unserer Gesellschaft sollte dafür verwendet werden.

Werden ältere, kranke Menschen in Zukunft von Robotern gepflegt?
(lacht) Das kann ich mir überhaupt nicht vorstellen. In der Pflege wird das rein technisch nicht möglich sein. Ein Roboter kann vielleicht dementen Menschen ein Haustier vorspiegeln oder das Essen hin- und herschieben. Zu diskutieren sind allerdings die ethischen Probleme.

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