Auf der Suche nach harten Fakten über Weichtiere

Publiziert: 08.04.2016

Schnecken, Muscheln, Tintenfische & Co: Das ist das Geschäft der Abteilung Malakologie im Naturhistorischen Museum der Burgergemeinde Bern, wo ich als Kurator verantwortlich bin.

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1 / 4 Originale der Sammlung Guilmin
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2 / 4 Angustopila dominikae, eine der kleinsten Landschnecken der Welt
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3 / 4 Schneckenhäuser der Sammlung Shuttleworth
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4 / 4 Eike Neubert leitet die Abteilung Malakologie am Naturhistorischen Museum

TEXT: EIKE NEUBERT; BILDER: ESTÉE BOCHUD UND LISA SCHÄUBLIN

Viele Menschen sind überwältigt von den ästhetischen Gehäusen, Spiralen, Farben und phantastischen Formen, die diese Tiere annehmen können. Bereits unsere Vorfahren konnten sich dieser Faszination nicht entziehen: Schnecken zählten zu den wichtigsten und wertvollsten Schmuckgegenständen der Steinzeit. Bis heute haben sie zum Sammeln und Verarbeiten angeregt. So ist es nicht verwunderlich, dass auch das Naturhistorische Museum über eine enorm grosse Sammlung dieser Tiere verfügt. Allerdings liegt der Schwerpunkt der Sammlungen heute weniger auf der Ästhetik, sondern mehr auf der Vielfältigkeit der Objekte. Das Hauptziel der malakologischen Sammlung des Naturhistorischen Museums liegt in der wissenschaftlich korrekten Dokumentation dieser Tiergruppe. Hier können über Jahrhunderte hinweg Daten über den Zustand unserer Umwelt abgerufen werden, und viele Arten, die heute ausgestorben sind, können bei uns im Museum noch bewundert werden. Die aus der Sammlungsarbeit stammenden Daten dienen vermehrt als Grundlage für wissenschaftliche Arbeiten, wie die in den letzten Jahren immens wachsende Zahl an Publikationen beweist. Erst kürzlich erregte eine wissenschaftliche Mitarbeiterin unserer Abteilung, Adrienne Jochum, weltweites Aufsehen, als sie im Team mit anderen Wissenschaftlern eine neue Art von Landschnecken aus China beschrieb, welche problemlos durch ein Nadelöhr passt. Angustopila dominikae, so der sperrige wissenschaftliche Name, ist eine der kleinsten Landschnecken der Welt und wird beim Sammeln schnell übersehen.

Die Sammlung wächst
1820 schrieb der Berner Professor Samuel Studer seine bahnbrechende Arbeit über die Schweizer Schnecken, später kam die dazugehörige Sammlung mit zirka 400 Objekten ins Museum. Aus diesen Anfängen ist mittlerweile die grösste Schweizer Molluskensammlung mit geschätzten 300 000 Objekten, rund drei bis vier Millionen Tiere, geworden. Hierbei kann jedes Objekt ein bis viele einzelne Tiere umfassen. Erst kürzlich konnte das Haus zwei wertvolle Privatsammlungen, die Sammlung Subai und die Sammlung Steffek, erwerben – und damit den Bestand deutlich erhöhen. Um diese Menge an Tieren und Daten sinnvoll verwerten zu können, werden die Einzelsammlungen seit fast 20 Jahren in einer Datenbank erfasst und zu einer einheitlichen, modernen Forschungssammlung aufgearbeitet.

Wo soll das alles enden?
Eigentum verpflichtet! Dank grosszügiger Unterstützung durch die Burgergemeinde konnte die Sammlungsaufarbeitung in den letzten sechs Jahren einen rasanten Aufschwung nehmen. Mittlerweile kann die Abteilung auf eine Datenbank mit über 65 000 im Detail erfassten Objekten zugreifen, die knapp 900 000 Tiere repräsentieren. Somit steht ein sehr respektabler Datenstamm für die nationale wie internationale wissenschaftliche Gemeinschaft zur Auswertung zur Verfügung. So werden unsere Daten zum Beispiel direkt bei der Erstellung der Roten Liste der Landschnecken Europas durch die International Union for Conservation of Nature IUCN benutzt. Dieses Projekt, in dem über 30 der führenden Malakologen Europas zusammenarbeiten, wird von mir geleitet. Es wird einen wesentlichen Beitrag zum Schutz dieser Tiergruppe leisten. Je besser also die Sammlungserfassung voranschreitet, umso mehr dient dies der Qualitätssteigerung des burgerlichen Besitztums und, bedingt durch vermehrte Nutzung der Sammlung, auch der nationalen wie internationalen Bedeutung des Naturhistorischen Museums. Die Schliessung der Erfassungslücke wird daher als eines der wesentlichen Ziele die Abteilung in den nächsten Jahren beschäftigen.

Bärner Müschterli

Gigele und gugle mit bärnischi Anekdote, erzellt vom J. Harald Wäber.

Bärner Müschterli

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