Kleine Insekten, grosse Wirkung

Publiziert: 05.11.2018

Mit blossem Auge unscheinbar, offenbaren Kleininsekten ihre Charakteristika erst unter dem Mikroskop. Warum man ihnen dennoch grösseres Augenmerk schenken sollte, weiss der Insektenforscher am Naturhistorischen Museum Bern, Hannes Baur. Er hat sich im Besonderen auf die noch nicht gänzlich erforschten Erzwespen spezialisiert. Die hochempfindlichen Insekten liefern Forschern unter anderem auch Hinweise auf Umweltveränderungen.

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1 / 3 Ganze Wespe: Pteromalus briani
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3 / 3 Hannes Baur, Kurator Entomologie am Naturhistorischen
Museum Bern (NMBE / Schäublin)

 

TEXT: CARMEN HOCKER; BILDER: LISA SCHÄUBLIN

Seine Leidenschaft ist winzig und riesig gross zugleich. Hannes Baur, Kurator am Naturhistorischen Museum Bern, beschäftigt sich mit der Gruppe der Erzwespen. Viele dieser Arten sind nur ein bis drei Millimeter gross. Dafür gibt es weltweit über 25 000 von ihnen. Als Kind und Jugendlicher waren es die Heupferde, die Hannes’ Neugier weckten. Als er merkte, dass es von ihnen in der Schweiz nur 110 bereits gut erforschte Arten gibt, suchte er nach einer anderen Gruppe. Nach einer, die noch Rätsel aufgibt und gleichwohl bei uns zu finden ist. So kam es, dass er sich den Erzwespen zuwandte: «Besonders faszinierend sind die Tiere unter dem Mikroskop.» Sie variieren in Gestalt und Farbe, schimmern teils metallisch und weisen spannende Strukturen auf. Zudem können sie ihre Wirtspflanzen und -tiere riechen. Die dafür benötigten, hoch spezialisierten Organe, die Sensillen, sitzen auf ihren Antennen, mit denen die Wespen trillern.

Artenreichtum und Pflanzenschutz

Nur wenige wissen, wie vielfältig diese Kleininsekten sind. Die meisten Menschen verstehen hierzulande unter Wespen nur die gelb-schwarz gestreiften, die einen im Sommer am Tisch belästigen und manchmal stechen. Dabei handelt es sich gerade einmal um zwei Wespen- unter über 10 000 anderen Hautflüglerarten (Wespen, Bienen und Ameisen) in der Schweiz. Die Zahl der Pflanzenfresser ist mit rund 700 relativ gering. Die stechenden Arten umfassen etwa 1200. Den grössten Teil stellen mit geschätzten 8000 die parasitoiden, kurz parasitischen, Wespen. Zu ihnen zählt auch die Blattlauswespe, ein natürlicher Feind der Blattlaus. Für den gezielten Pflanzenschutzeinsatz von parasitischen Wespen ist die chinesische Schlupfwespe (Torymus sinensis) ein aktuelles Beispiel. Vor einigen Jahren hatte die aus China stammende Kastaniengallwespe den Edelkastanien im Tessin und in Norditalien stark zugesetzt. Ernteausfälle von bis zu 75% waren keine Ausnahme. Seit man mit der Schlupfwespe einen natürlichen Feind importierte und frei liess, haben sich die Edelkastanien wieder erholt. Mit ihrem langen Legestachel gelangt die Schlupfwespe durch die Galle und legt ein Ei ab. Daraus entwickelt sich eine Larve, welche die Gallwespe auffrisst. Eigentlich müsste man vor der Einfuhr testen, ob die zur Bekämpfung auserwählte Art auch wirklich nur die Schädlingsart frisst. Und dass sie nicht mit anderen, einheimischen Arten interagiert. Im Fall der Schlupfwespe konnte man diese Fragen positiv beantworten, allerdings erst im Nachhinein. Andere Versuche verliefen nicht so erfreulich. So ist der asiatische Marienkäfer, der zur Blattlausbekämpfung in Gewächshäusern eingesetzt wurde, entkommen und hat sich in freier Natur so vermehrt, dass er die einheimischen Arten verdrängt hat.

Hochsensible Kleinlebewesen
Im Frühling 2018 hatte die sogenannte «Krefelder Studie» in den Medien für Aufruhr gesorgt. Wissenschaftler der niederländischen Radboud University waren zum Schluss gekommen, dass in den letzten 27 Jahren die Zahl der Kleininsekten um drei Viertel zurückgegangen ist. Als Taxonom, der sich der Bestimmung von Insektenarten widmet, mutmasst Hannes Baur ungern über mögliche Gründe. Die Klimaerwärmung scheint ihm nicht plausibel, da die meisten Insektenarten Wärme lieben. Sie sollte eher zu einer Steigerung von Vielfalt und Individuen führen. Wahrscheinlicher seien die Einflüsse von Umweltbelastungen durch Chemikalien. Denn kleinere Arten sind von Natur aus sensibler. Sie reagieren auch empfindlicher auf natürliche Pflanzengiftstoffe, die sogenannten Allochemicals. Wirtstiere machen sich diese Tatsache sogar zunutze. Wenn die Raupe des nordamerikanischen Bärenspinners parasitiert wird, wechselt sie ihre Wirtspflanze. Sie geht auf eine Pflanze, die mehr natürliche Pflanzengiftstoffe enthält, welche die Wespe töten.

In Bern beliebt - auf der ganzen Welt beachtet

Das Naturhistorische Museum ist Berns ältestes Museum. Seit den Anfängen sind wir getragen von der Burgergemeinde Bern, die mit ihrer finanziellen Unterstützung die Existenz des Hauses seit über 180 Jahren ermöglicht. Eine wichtige Stütze des Museums ist auch der Museumsverein. Erfahren Sie hier mehr über die Hintergründe unserer Institution.

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