Ein lebendiges Denkmal

Publiziert: 24.10.2015

«Von Bernern und Burgern», die neue Geschichte der Berner Burgergemeinde, wird von den Medien fast einhellig positiv beurteilt. Obschon Auftragswerk, ist sie keine Gefälligkeitsschrift, sondern besticht mit kritischer Distanz. Nicht überzeugend ist das Frontismus-Kapitel ausgefallen.

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1 / 7 Tagelöhner und Gelegenheitsarbeiterin verarbeiten im Kirchenfeld Brennholz aus dem burgerlichen Forst.
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2 / 7 Schüler und Lehrer vor dem Waisenhaus in der Innenstadt um 1911
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3 / 7 Die Umwandlung der burgerlichen Stadtfelder in Bauland - hier das in Überbauung begriffene Kirchenfeld - finanzierte die burgerlichen Kulturinvestitionen - hier das eben erstellte Historische Museum.
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4 / 7 Neubau des Naturhistorischen Museums an der Bernastrasse, zwischen 1933 und 1936 aufgenommen.
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5 / 7 Ackerbau im Breitenrain, Blickrichtung Altstadt
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6 / 7 Patrizische Kinder und Jugendliche
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7 / 7 Bewohnerin des Burgerspitals um 1920

TEXT: URS HAFNER; BILD: ZVG

Nicht jedem neuen Geschichtsbuch ist ein solcher Empfang vergönnt. Das mediale Echo auf die grosse, diesen Frühling erschienene Geschichte der Berner Burgergemeinde ist beachtlich und bis auf eine Ausnahme rundum positiv ausgefallen. Neben drei Berner Zeitungen und einem Berner Online-Journal würdigten auch das Schweizer Radio, die Schweizer Ausgabe der «Zeit» und die «Neue Zürcher Zeitung» das Werk, das eine – wenn auch die grösste ihrer Art in der Schweiz – örtliche Institution porträtiert.

Der Tenor der Medien: «Von Bernern und Burgern» habe die Geschichte der öffentlich-rechtlichen Einrichtung wissenschaftlich und also mit der nötigen kritischen Distanz erarbeitet, auch wenn das Buch von den Burgern in Auftrag gegeben und finanziert worden sei. Tatsächlich vertieft die Studie – ein gediegenes Werk in zwei grossformatigen Bänden mit fast 900 reich bebilderten Seiten, verfasst von fünf Historikerinnen und Historikern – das Verständnis der einst patrizischen Institution, ihrer Eigenarten und Gebräuche, ihrer kulturellen, fürsorgerischen und mäzenatischen Leistungen, ihrer Wandlungsfähigkeit.

Das Ökonomische, das Soziale wie das Kulturelle werden gründlich durchleuchtet, zuweilen auf Kosten der sprachlichen Eleganz. Erhellend ist der Vergleich mit anderen Bürgergemeinden und Korporationen der Schweiz: So unique, wie Burger-Kritiker als auch Burger-Enthusiasten glauben, ist der Berner Fall nicht. Ein pointierter Schluss hätte dem am Ende ausfransenden Werk gut angestanden. Dennoch überzeugt es als quasi lebendiges Denkmal der Burgergemeinde.

Vor allem aber thematisiert die Studie ohne Scheuklappen auch all die Punkte, die auf dem Platz Bern als heikel gelten: die nach wie vor eher elitäre Zusammensetzung der Institution, die nicht konsequent etablierte Gewaltenteilung, die finanzielle Bevorteilung bei der Vermögensaufteilung zwischen Burger- und Einwohnergemeinde 1852, die Prägung der städtischen Baupolitik im eigenen Interesse, die Verstrickung mit nazifreundlichen Kreisen in den 1930er-Jahren. Letzterem Punkt ist gar ein eigenes, vom Basler Emeritus Georg Kreis verfasstes Kapitel gewidmet.

Ohne diese Verstrickungen hätte das Burgerbuch wohl nicht so viel Aufmerksamkeit gefunden, ja wäre es vielleicht nicht einmal geschrieben worden. Publik gemacht hatte sie Katrin Rieder 2008 in ihrer Dissertation «Netzwerke des Konservatismus» (Chronos-Verlag). Die Historikerin deckte auf, dass sich mehrere junge Bernburger in frontistischen Organisationen betätigt hatten. Georges Thormann, von 1969 bis 1984 Burgerpräsident, war vor dem Krieg gar «Gauführer» der Nationalen Front gewesen, die der NSDAP nacheiferte. Die Grenzen zwischen Rechtskonservativen und Rechtsextremen waren fliessender als angenommen.

Die Autorin betonte zwar, dass keineswegs das ganze burgerliche Patriziat frontistisch gewesen sei, doch das Thema erwies sich für die Medien als zu süffig – und die Dissertation war an manchen Stellen zu polemisch und ungenau formuliert. Plötzlich sah sich die Berner Burgerschaft national mit dem Vorwurf des Faschismus konfrontiert. Nur die NZZ bemängelte in ihrer Rezension Rieders herrschaftskritischen Übereifer.

Das von Rieder vorgespurte und von den Medien verstärkte Pauschalurteil hat Kreis akribisch überprüft. Sein Beitrag wirkt indes wie ein Fremdkörper, weil er den Charakter eines – zu ausführlich geratenen – Gutachtens besitzt. Zu Recht hat sich der «Bund» an der «grossspurigen Geste» gestört (die einzige mediale Kritik am Buch). Kreis weist nach, dass sich nicht nur unter den Burgern, sondern auch im Bürgertum rechtsbürgerliche Kreise für den Frontismus erwärmt hätten und dass das bei der Wahl Thormanns Ende der sechziger Jahre manifestierte Desinteresse an der Vergangenheit auch andernorts gängig gewesen sei. Diese Relativierung hätte man dezenter leisten können.

Von Bernern und Burgern

Birgit Stalder, Martin Stuber, Sibylle Meyrat, Arlette Schnyder, Georg Kreis: Von Bernern und Burgern. Tradition und Neuerfindung einer Burgergemeinde. Hier und Jetzt, Baden 2015. 2 Bde., zahlreiche Abb., 864 S., ca. 89 Fr.

Dr. Urs Hafner ist freischaffender Wissenschaftsjournalist in Bern.

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